{"id":302,"date":"2020-10-14T17:28:42","date_gmt":"2020-10-14T17:28:42","guid":{"rendered":"https:\/\/romahistory.com\/?page_id=302"},"modified":"2020-10-14T17:28:42","modified_gmt":"2020-10-14T17:28:42","slug":"sechs-jahrhunderte-in-deutschland","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/romahistory.com\/?page_id=302","title":{"rendered":"Sechs Jahrhunderte in Deutschland"},"content":{"rendered":"\n<p><em>Das Wort Zigeuner:<br>Ist eine altt\u00fcrkische Bezeichnung &#8222;tschigan&#8220;: &#8222;Arme Leute&#8220;, &#8222;Habenichts&#8220;. Daraus wurde in den europ\u00e4ischen Sprachen &#8222;tsigan&#8220;, auf Deutsch: &#8222;Zigeuner&#8220;.Das Wort Gypsie, wurde durch die Identifizierung, einiger Roma mit den Mameluken nach Europa getragen.<\/em><br><strong>Erinnern wir uns:<br>Das w\u00e4hrend des Mittelalters die Mameluken, ein Sklavenstaat, in \u00c4gypten herrschten, und Roma sich in der Geschichtsschreibung auch \u00c4gypter nannten.<\/strong><br>Ein Beispiel f\u00fcr so eine Gruppe sind die \u201eEgpytians\u201c Roma in Kosovo, die sich auch heute noch \u00c4gypter nennen.<br>Die Roma galten also in den Balkanl\u00e4ndern als Eigentum. Sie konnten weder ihren Wohnort noch ihren Beruf frei w\u00e4hlen, sie genossen keine Bildung und wurden auf den Sklavenm\u00e4rkten von H\u00e4ndlern wie Ware verkauft. Fl\u00fcchten konnten sie. Wenn \u00fcberhaupt, nur in eine Richtung: in den Westen, wo ihre Identit\u00e4t noch unbekannt war und wo niemand sie an ihre Unterjocher ausliefern w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-table\"><table><tbody><tr><td>Die ersten Zigeuner sind um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert in das deutsche Sprachgebiet eingewandert. Nach verschiedenen historischen Quellen tauchten sie 1399 zum ersten Mal in B\u00f6hmen auf, schon 1407 sollen sie der Stadtschreiberei zu Hildesheim ihre Papiere vorgewiesen haben, 1414 wanderten sie nach Hessen ein. 1416 nach Mei\u00dfen, 1417 nach Z\u00fcrich, Magdeburg und L\u00fcbeck, 1418 ist ihre Ankunft in Sachsen und im Elsass verb\u00fcrgt. Die Herkunft der Zigeuner aus Indien ist heute ebenso wenig umstritten wie die der Juden aus dem Nahen Osten, obwohl zun\u00e4chst Jahrhunderte lang \u00fcber ihr Herkommen ger\u00e4tselt wurde und sie lange Zeit als \u00c4gypter<br>galten, die wegen ihres christlichen Glaubens vertrieben worden seien. Linguisten und Historiker gehen heute davon aus, dass die Zigeuner um die erste Jahrtausendwende, m\u00f6glicherweise aber auch schon in der Zeit nach dem 5. Jahrhundert, ihre nordwestindische Heimat in verschiedenen Migrationswellen verlassen haben.Wie das j\u00fcdische Volk leben auch die Zigeuner heute \u00fcber die ganze Welt verstreut. Ihr Sprache Romanes, die bereits auf dem Wege nach Europa zahlreiche griechische und armenische Lehnw\u00f6rter in sich aufgenommen hat und die in verschiedensten Dialekten gesprochen wird, ist mit dem Sanskrit verwandt. Das Romanes hat in den Sprachgebieten, in denen seine Sprecher ans\u00e4ssig geworden sind, jeweils zahlreiche W\u00f6rter und Begriffe der Landessprachen aufgenommen. Die vor fast sechs Jahrhunderten in Deutschland und Osterreich und die angrenzenden Regionen (Norditalien, Slowenien. B\u00f6hmen, Elsass, Lothringen) eingewanderten Zigeuner bezeichnen sich selbst als Sinti. Es gibt Theorien, die diese Bezeichnung auf das heute in Pakistan gelegene Land Sindh zur\u00fcckfuhren, sodass sich z. B ein bekannter deutscher Sinti- Verband, die Freiburger &#8222;Sindhi-Union&#8220;, heute an dieser Schreibweise orientiert. Erst im Vergangenen der Weimarer Republik und seit 1945 sind Zigeuner aus Ost- und S\u00fcdeuropa, die sich wie eine gro\u00dfe Mehrheit der europ\u00e4ischen Zigeuner Roma nennen, nach Deutschland eingewandert oder gefl\u00fcchtet. Die internationale B\u00fcrgerrechtsbewegung der Zigeuner benutzt heute den Begriff Roma (Romanes, f\u00fcr Mensch \/ Mann) f\u00fcr alle Zigeuner \u00fcberhaupt, w\u00e4hrend sich in der Bundesrepublik seit 1979 weitgehend die Bezeichnung &#8222;Sinti und Roma&#8220; durchgesetzt hat.W\u00e4hrend, \u00fcberwiegende Teile der Roma- Bev\u00f6lkerung des europ\u00e4ischen S\u00fcdostens, wo etwa drei Viertel der europ\u00e4ischen Zigeuner leben, seit Jahrhunderten fest ans\u00e4ssig waren, haben die mitteleurop\u00e4ischen Sinti \u00fcberwiegend als Fahrende &#8211; in der Regel auf jeweils eine Region beschr\u00e4nkt, gelebt. Gr\u00f6\u00dfere Gruppen von ihnen siedelten sich erst aufgrund, der seit Gr\u00fcndung des Bismarckreiches st\u00e4ndig zunehmenden Behinderung und Verfolgung der fahrenden Lebensweise durch den \u201emodernen&#8220; Staat, in festen Wohnquartieren der St\u00e4dte an.Die ersten achtzig Jahre des Aufenthalts der Sinti in Deutschland gelten als ihr \u201egoldenes Zeitalter&#8220;. Mit Schutzbriefen u. a. des deutsch r\u00f6mischen Kaisers Siegesmund zogen sie meist unbehelligt durch deutsche L\u00e4nder; ihre Exotik erregte Bewunderung und Erstaunen. An vielen Orten genossen sie die Gastfreundschaft der ans\u00e4ssigen Bev\u00f6lkerung.Den Auftakt zur Verfolgung der Sinti in Deutschland soll Brandenburgs Kurf\u00fcrst Achilles, der 1482 den Aufenthalt von Sinti in seinem Land verbot, gegeben haben. Mit den Reichstagen von Lindau und Freiburg (1496, 1497 und 1498) folgte auch das deutsche Reich diesem Beispiel, hob den Schutzbrief Siegesmunds auf und erkl\u00e4rte alle Roma f\u00fcr vogelfrei. Jedermann konnte sie jagen, auspeitschen, einsperren oder t\u00f6ten. Kaiser Ferdinand (1556-1564) &#8222;milderte&#8220; die Zigeunergesetze insofern, als jetzt wenigstens Frauen und Kinder nicht mehr sofort hingerichtet werden sollten.<br><br><br>Dank der deutschen Kleinstaaterei kam es nicht \u00fcberall zu einer konsequenten Anwendung dieser Reichsgesetze. Roma konnten in Deutschland \u00fcberleben, indem sie in einen anderen Teilstaat auswichen. Jedoch organisierten viele der deutschen Staaten individuell ihren Kampf gegen das so genannte \u201eZigeunergesindel&#8220;. Allein f\u00fcr die Zeit zwischen 1497 und 1774 wurden 146 Zigeuneredikte nachgewiesen. Erst die Wirren des Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieges lenkten von der Zigeunerverfolgung ab.<br>Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Verfolgung wieder unvermindert fortgesetzt. Roma sollten gebrandmarkt, aus dem Lande verwiesen oder mit dem Tode bestraft werden. Friedrich Wilhelm I. von Preu\u00dfen z. B. ordnete 1725 an, sie ohne Gerichtsverfahren zu h\u00e4ngen; allein die braune Hautfarbe sollte als Beweis gen\u00fcgen. Die Kreis Versammlung des oberrheinischen Reichskreises verf\u00fcgte 1709 das Deportieren oder H\u00e4ngen jedes festgenommenen Roma, und die Stadt Frankfurt\/ Main erlaubte in einem Erlass die Wegnahme von Romakindern.Seuchen (Pest), Hungersn\u00f6te. Feuersbr\u00fcnste geheimnisvolle Morde, unheilbare Krankheiten usw. wurden den Fremden, den als Nichtchristen verd\u00e4chtigten Personen zur Last gelegt &#8230; So wurde der mittelalterliche Roma zum Schuldigen abgestempelt und grausam verfolgt; die dunkle Hautfarbe und eine unverst\u00e4ndliche Sprache machten Sie zu Fremden und Verfolgten. Die Roma h\u00e4tten Pest und Cholera \u00fcbertragen, w\u00e4ren f\u00fcr die Rattenplage verantwortlich, w\u00e4ren j\u00fcdisch versippt, raubten Kinder und \u00fcbten Kannibalismus. Sie bes\u00e4\u00dfen eine freiz\u00fcgige oder verwahrloste Moral und spionierten als Landesfeinde f\u00fcr T\u00fcrken oder Tataren. Dieses waren die g\u00e4ngigen Vorurteile, die sich erschreckender Weise bis heute im groben Erhalten haben.Polizeiliche und kirchliche Machttr\u00e4ger warfen Juden und Roma seit dem Mittelalter dieselben Delikte vor: Abkehr vorn Christentum, Hexerei, Betrug und Diebstahl z\u00e4hlten zu ihren angeblichen Verbrechen.Wenigstens im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert wurde die physische Existenz der Sinti als \u201eParias&#8220; geduldet. W\u00e4hrend ihres jeweils kurzfristigen Erscheinens in D\u00f6rfern und St\u00e4dten verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt z. B. als L\u00f6ffelschnitzer, Scherenschleifer, Kesselflicker, Pantoffelmacher, Korbflechter und Musikanten. In verschiedenen deutschen Staaten wurden Ansiedlungsversuche unternommen, deren Scheitern, aber meist mit der Inhumanit\u00e4t des jeweiligen Ansatzes bereits vorprogrammiert war. In W\u00fcrttemberg wurden Gro\u00dffamilien gewaltsam aufgel\u00f6st und in Einzelfamilien \u00fcber<br>das ganze Land verteilt.Als die voneinander getrennten Familien zusammenziehen wollten, wurden sie in der Regel von den Amtspflegern zum Weiterziehen gezwungen. Die Ma\u00dfnahmen Maria Theresias und Josephs II. betrafen in \u00d6sterreich-Ungarn mit dem deutschsprachigen Westungarn (seit 1918 Burgenland) nur den Rand des deutschen Sprachgebiets. Die dort ans\u00e4ssigen Roma \u2022wurden mit drakonischen Mitteln z.T. \u201eerfolgreich&#8220;&#8218; zur Sesshaftigkeit gezwungen, darunter dem Verbot des Romanes, dem Zwang zur Mischehe mit Nichtroma und der Wegnahme von Kindern.Erst die Gr\u00fcndung des deutschen Reiches 1871 erlaubte die langfristige Koordinierung der antiziganistischen Repressionen, die erstaunlicherweise noch in der Weimarer Republik perfektioniert wurden und somit dem NS- Staat eine Plattform f\u00fcr die dem V\u00f6lkermord vorangehende Erfassung der deutschen Sinti und Roma schufen. Bereits im Jahre 1871 wies das gro\u00dfherzogliche Innenministerium Hessens mit Berufung auf das Berliner Reichskanzleramt die Kreis\u00e4mter an, eingewanderten Roma die Ausstellung von Gewerbescheinen zu versagen und bei Heimatberechtigten Sinti mit gr\u00f6\u00dfter Vorsicht vorzugehen. Im benachbarten \u00d6sterreich wird 1885 bei der \u201eVerurteilung wegen Vagabundage&#8220; die Anhaltung zur Zwangsarbeit erlaubt. 1896 ordnete das deutsche Reichskanzleramt an, keine Wandergewerbescheine an Sinti und Roma mehr auszugeben. In der preu\u00dfischen &#8222;Anweisung zur Bek\u00e4mpfung des Zigeunerunwesens&#8220; vom 12. Februar 1902 wird diese Ma\u00dfnahme wiederum vornehmlich auf die Roma- Einwanderer beschr\u00e4nkt; 1886 hatte man bereits den Zwangstransport f\u00fcr \u201eZigeuner ohne deutsche Staatsangeh\u00f6rigkeit&#8220; zur Staatsgrenze eingef\u00fchrt. Das am 1.Januar 1900 angenommene Reichsgesetz zur &#8222;Zwangserziehung Minderj\u00e4hriger&#8220; fand vor allem auch f\u00fcr Kinder von Sinti- und Romafamilien Anwendung. Als Vorstufe moderner Datenbanken wurden 1899 in deutschen L\u00e4ndern Zigeuner-Nachrichtendienste eingerichtet, deren Perfektester im K\u00f6nigreich Bayern bereits 1904 schon 3350 Akten \u00fcber Familien und Einzelpersonen enthielt. Im Auftrag des bayrischen Innenministeriums gab der Kriminalrat Alfred Dillmann 1905 Richtlinien zur so genannten. \u201eBeseitigung der Zigeunerplage&#8220; heraus als Zusammenfassung aller entsprechenden Verordnungen von 1816 bis 1903. Sein M\u00fcnchner \u201eNachrichtendienst im Bezug auf die Zigeuner&#8220; avancierte zum Zentrum der deutschen \u201eZigeunerbek\u00e4mpfung&#8216;, versch\u00e4rfte die Kriminalisierung dieser Volksgruppe und wurde zum Vorl\u00e4ufer der sp\u00e4teren Zigeunerpolizeistelle M\u00fcnchen (Weimarer Republik) und der sie abl\u00f6senden \u201eReichszentrale zur Bek\u00e4mpfung des Zigeunerunwesens&#8220; in Himmlers Reichssicherheitshauptamt in Berlin (seit 1938).ln den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts lie\u00df sich daher eine wachsende Anzahl von Sinti- und Romafamilien auf der Flucht vor Repressionen und wegen der sich verschlechternden Arbeitsbedingungen in Handel und Kleingewerbe in deutschen Gro\u00dfst\u00e4dten nieder.Im April 1926 kam die &#8222;L\u00e4ndervereinbarung zur gemeinsamen und gleichzeitigen Bek\u00e4mpfung der Zigeuner im deutschen Reich&#8220; zustande; am 16. Juli 1926 wurde in M\u00fcnchen das Gesetz zur Bek\u00e4mpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen&#8220; erlassen, und im November 1927 wurde vom preu\u00dfischen Innenministerium die Daktyloskopierung (Entnahme der Fingerabdr\u00fccke) aller Sinti und Roma verordnet. Somit erlie\u00df bereits die erste deutsche Republik Ausnahme Verordnungen gegen eine ethnische Gruppe, Ma\u00dfnahmen, die mit der Weimarer Verfassung nicht zu vereinbaren waren.<br><br><strong><em>Die &#8222;Kelderascha&#8220; waren die Kesselschmiede (vom rum\u00e4nischen Wort f\u00fcr &#8222;Kessel&#8220; &#8211; &#8222;celdera&#8220;), die &#8222;Tschurari&#8220; waren die Messerschleifer (von &#8222;tschuri&#8220; &#8211; in der Sprache der Roma &#8222;Messer&#8220;), die &#8222;Lovara&#8220; waren die Pferdef\u00fchrer (vom ungarischen Wort f\u00fcr Pferd &#8211; &#8222;lov-&#8222;), und so weiter. Manche dieser Bezeichnungen existieren bis heute als Stammesnamen, obwohl die St\u00e4mme ihre traditionellen Berufe schon l\u00e4ngst aufgegeben haben.<br>\u00a0<\/em><\/strong><\/td><\/tr><\/tbody><\/table><\/figure>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wort Zigeuner:Ist eine altt\u00fcrkische Bezeichnung &#8222;tschigan&#8220;: &#8222;Arme Leute&#8220;, &#8222;Habenichts&#8220;. 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