3.1. Roma und Sinti unter dem Nationalsozialismus

Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten wurde diese Politik in verschärfter Form fortgesetzt. 1938 wurde die Münchner "Zigeunerdienststelle" in "Reichskriminalamt zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" umbenannt und in das zentrale Reichskriminalamt in Berlin eingegliedert. Parallel zur Erfassung durch die Polizei wurden vom Reichskriminalamt Wissenschaftler ausgewählt und mit der systematischen Erfassung der gesamten Bevölkerung der Roma und Sinti in Deutschland beauftragt. Zu diesem Zweck wurde beim Reichsgesundheitsamt die so genannte „rassenhygienische Forschungsstelle" gegründet. Die Leitung übernahm der Arzt Dr. Robert Ritter, die Finanzierung für die "Forschungsarbeit" gewährte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG).

Ritter betrachtete die Roma als "kriminelle und asoziale Rasse", die zum Verschwinden gebracht werden musste. Er nannte seinen Forschungsbereich "Kriminalbiologie" und unterstellte, dass die Roma und Sinti als Volk kriminelle Eigenschaften hätten, die genetisch vererbt würden. In der ersten Phase seiner Arbeit unterschied Ritter zwischen "reinrassigen Zigeunern" und "Zigeunermischlingen", die er für besonders "asozial" hielt. In einem seiner Arbeitsberichte schrieb er:
"Die Zigeunerfrage kann nur als gelöst betrachtet werden, wenn die Mehrheit der sozialen und nutzlosen Zigeunermischlinge in großen Arbeitslagern untergebracht worden ist und der Fortpflanzung dieser Mischlingsbevölkerung ein Ende bereitet ist. Nur dann werden die zukünftigen Generationen des deutschen Volkes von dieser Last befreit sein."

Ritters "Forschungsstelle" beschäftigte eine Reihe von Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen, darunter die Anthropologinnen Dr. Eva Justin, Prof. Sophie Ehrhardt sowie die Hamburgerin Dr. Ruth Kellermann. Ihnen wurde die Aufgabe übertragen, Familiengenealogien zu erstellen, nach denen der „Mischlingsgrad" von Roma und Sinti festgestellt werden sollte. Die Kartei, die Ritter und seine Mitarbeiter stellten, wurde dann an die Polizei weitergeleitet und diente dazu, die erfassten Familien zu verhaften und in die Konzentrationslager zu deportieren. Aus diesen Lagern sind nur wenige zurückgekehrt. Allein in den Gaskammern der Konzentrationslager starben über eine halbe Million Roma und Sinti. In den osteuropäischen Ländern fielen während des zweiten Weltkrieges weitere Hunderttausende Roma den Erschießungskommandos der deutschen Besatzer zum Opfer. Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute unbekannt.

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