2.5.1906 bis 1920

Deutsch

1906. Am 17. Februar erlässt der preußische Innenminister eine Direktive mit dem Titel Die Bekämpfung des Zigeunerunwesens, die eine Liste bilateraler Abkommen mit Ländern enthält, die bei der Vertreibung von Roma zusammenarbeiten wollen, namentlich das Kaiserreich Österreich-Ungarn, Belgien, Dänemark, Frankreich, Italien, Luxemburg, die Niederlande, Russland und die Schweiz. Die Polizei ist befugt, Roma für Gesetzesbrüche zu verfolgen, zu denen „Feuermachen in Wäldern, illegales Fischen, illegales Kampieren“ und ähnliches gehören. Der temporäre Schulbesuch von Kindern, deren Eltern sich auf der Durchreise durch ein Gebiet befinden, wird verboten.

Preußen führt “Zigeunerlizenzen” ein, die von allen benötigt werden, die dort bleiben wollen. Die Lizenzen werden nur ausgegeben, wenn der Antragsteller einen festen Wohnsitz, keine ernsthaften Vorstrafen, ein ordentliches Steuerkonto und eine Ausbildungsversorgung für seine Kinder vorweisen kann. Den Zugelassenen wird jedoch trotzdem nicht gestattet, sich örtlich anzusiedeln.



1907. Viele Roma verlassen Deutschland in Richtung anderer Länder Westeuropas.

Django Reinhardt, ein berühmter Jazz/Blues-Gitarrist, wird in Ouchie, Belgien, geboren.



1908. Der Children’s Act führt den obligatorischen Schulbesuch für reisende Zigeunerkinder in England ein, jedoch nur für die Hälfte des Jahres. Dies wird 1944 fortgesetzt im Education Act, aber viele Zigeunerkinder genießen nach wie vor keine Schulbildung.



1909. Die Schweiz bittet Deutschland, Italien, Frankreich und Österreich um Informationsaustausch bezüglich der Bewegungen von Roma über ihre geteilten Grenzen. Während dieses Anliegen scheitert, beginnt das schweizerische Justizministerium mit einer nationalen Roma-Kartei nach dem Münchener Modell. Empfehlungen einer “Zigeunerpolitik-Konferenz” in Ungarn beinhalten die Konfiszierung ihrer Tiere und Wagen, sowie die permanente Brandmarkung aus Gründen der Identifizierung.



1912. Die französische Regierung führt das carnet anthropométrique ein, ein Dokument mit persönlichen Daten, inklusive Foto und Fingerabdrücke, das alle Roma mit sich führen müssen. Dies bleibt geltendes Gesetz bis 1970.



1914. Ein neues Gesetz verbietet jede weitere Immigration von Roma nach Schweden. Es erweist sich als sehr effizient und Roma in Schweden werden von ihren Verwandten in anderen europäischen Ländern isoliert. Das Gesetz behält seine Gültigkeit bis 1954. Im selben Zeitraum existieren ähnliche Gesetze in Norwegen und Dänemark. Norwegen gewährt etwa dreißig Roma die norwegische Staatsangehörigkeit.



1918. In Holland führt das Caravan- und Hausboot-Gesetz Kontrollen über die Bewegungen von Nomaden ein.



1919. Artikel 108 der Weimarer Verfassung garantiert Roma und Sinti volle und gleichwertige Bürgerrechte, doch diese werden nicht beachtet. In Bulgarien wird die Romani Organisation Istiqbal (Zukunft) gegründet.



1920. Am 27. Juli verbietet der Minister für Öffentliche Wohlfahrt in Düsseldorf allen Roma und Sinti das Betreten öffentlicher Wasch- und Erholungseinrichtungen (Schwimmbäder, Badehäuser, Parks, etc.). In Deutschland argumentieren der Psychiater Karl Binding und der Magistrat Alfred Hoche für die Tötung von „Ballastexistenzen“, solchen Individuen, die nur eine Belastung für die gesamte Menschheit darstellen; hierzu zählen sie Roma. Das Konzept von „lebensunwürdigem Leben“ wird 1933 zum Kern der Nazi-Rassenpolitik, als am 14. Juli jenes Jahres ein Gesetz mit eben dieser Bezeichnung von Adolf Hitler eingeführt wird.