2.4. Sechs Jahrhunderte in Deutschland

Deutsch


 

Die "Kelderascha"
waren die Kesselschmiede (vom rumänischen Wort für
"Kessel" - "celdera"), die "Tschurari"
waren die Messerschleifer (von "tschuri" - in der
Sprache der Roma "Messer"), die "Lovara"
waren die Pferdeführer (vom ungarischen Wort für
Pferd - "lov-"), und so weiter. Manche dieser Bezeichnungen
existieren bis heute als Stammesnamen, obwohl die Stämme
ihre traditionellen Berufe schon längst aufgegeben haben.

 

 

Das Wort Zigeuner:

Ist eine alttürkische Bezeichnung "tschigan":
"Arme Leute", "Habenichts". Daraus wurde
in den europäischen Sprachen "tsigan", auf
Deutsch: "Zigeuner".

 

 

Das Wort Gypsie,

wurde durch die Identifizierung, einiger Roma mit den Mameluken
nach Europa getragen.

 

 

 

 

Erinnern wir uns:

Das während des Mittelalters die Mameluken, ein Sklavenstaat,
in Ägypten herrschten, und Roma sich in der Geschichtsschreibung
auch Ägypter nannten.

Ein Beispiel für so eine Gruppe sind die „Egpytians“
Roma in Kosovo, die sich auch heute noch Ägypter nennen.



Die Roma galten also in den Balkanländern als Eigentum.
Sie konnten weder ihren Wohnort noch ihren Beruf frei wählen,
sie genossen keine Bildung und wurden auf den Sklavenmärkten
von Händlern wie Ware verkauft. Flüchten konnten
sie. Wenn überhaupt, nur in eine Richtung: in den Westen,
wo ihre Identität noch unbekannt war und wo niemand sie
an ihre Unterjocher ausliefern würde.

 




Die
ersten Zigeuner sind um die Wende des 14. zum 15. Jahrhundert
in das deutsche Sprachgebiet eingewandert. Nach verschiedenen
historischen Quellen tauchten sie 1399 zum ersten Mal in Böhmen
auf, schon 1407 sollen sie der Stadtschreiberei zu Hildesheim
ihre Papiere vorgewiesen haben, 1414 wanderten sie nach Hessen
ein. 1416 nach Meißen, 1417 nach Zürich, Magdeburg
und Lübeck, 1418 ist ihre Ankunft in Sachsen und im Elsass
verbürgt. Die Herkunft der Zigeuner aus Indien ist heute
ebenso wenig umstritten wie die der Juden aus dem Nahen Osten,
obwohl zunächst Jahrhunderte lang über ihr Herkommen
gerätselt wurde und sie lange Zeit als Ägypter

galten, die wegen ihres christlichen Glaubens vertrieben worden
seien. Linguisten und Historiker gehen heute davon aus, dass
die Zigeuner um die erste Jahrtausendwende, möglicherweise
aber auch schon in der Zeit nach dem 5. Jahrhundert, ihre
nordwestindische Heimat in verschiedenen Migrationswellen
verlassen haben.

Wie das jüdische
Volk leben auch die Zigeuner heute über die ganze Welt
verstreut. Ihr Sprache Romanes, die bereits auf dem Wege nach
Europa zahlreiche griechische und armenische Lehnwörter
in sich aufgenommen hat und die in verschiedensten Dialekten
gesprochen wird, ist mit dem Sanskrit verwandt. Das Romanes
hat in den Sprachgebieten, in denen seine Sprecher ansässig
geworden sind, jeweils zahlreiche Wörter und Begriffe
der Landessprachen aufgenommen. Die vor fast sechs Jahrhunderten
in Deutschland und Osterreich und die angrenzenden Regionen
(Norditalien, Slowenien. Böhmen, Elsass, Lothringen)
eingewanderten Zigeuner bezeichnen sich selbst als Sinti.
Es gibt Theorien, die diese Bezeichnung auf das heute in Pakistan
gelegene Land Sindh zurückfuhren, sodass sich z. B ein
bekannter deutscher Sinti- Verband, die Freiburger "Sindhi-Union",
heute an dieser Schreibweise orientiert. Erst im Vergangenen
der Weimarer Republik und seit 1945 sind Zigeuner aus Ost-
und Südeuropa, die sich wie eine große Mehrheit
der europäischen Zigeuner Roma nennen, nach Deutschland
eingewandert oder geflüchtet. Die internationale Bürgerrechtsbewegung
der Zigeuner benutzt heute den Begriff Roma (Romanes, für
Mensch / Mann) für alle Zigeuner überhaupt, während
sich in der Bundesrepublik seit 1979 weitgehend die Bezeichnung
"Sinti und Roma" durchgesetzt hat.

Während,
überwiegende Teile der Roma- Bevölkerung des europäischen
Südostens, wo etwa drei Viertel der europäischen
Zigeuner leben, seit Jahrhunderten fest ansässig waren,
haben die mitteleuropäischen Sinti überwiegend als
Fahrende - in der Regel auf jeweils eine Region beschränkt,
gelebt. Größere Gruppen von ihnen siedelten sich
erst aufgrund, der seit Gründung des Bismarckreiches
ständig zunehmenden Behinderung und Verfolgung der fahrenden
Lebensweise durch den „modernen" Staat, in festen
Wohnquartieren der Städte an.

Die ersten achtzig
Jahre des Aufenthalts der Sinti in Deutschland gelten als
ihr „goldenes Zeitalter". Mit Schutzbriefen u.
a. des deutsch römischen Kaisers Siegesmund zogen sie
meist unbehelligt durch deutsche Länder; ihre Exotik
erregte Bewunderung und Erstaunen. An vielen Orten genossen
sie die Gastfreundschaft der ansässigen Bevölkerung.

Den Auftakt zur
Verfolgung der Sinti in Deutschland soll Brandenburgs Kurfürst
Achilles, der 1482 den Aufenthalt von Sinti in seinem Land
verbot, gegeben haben. Mit den Reichstagen von Lindau und
Freiburg (1496, 1497 und 1498) folgte auch das deutsche Reich
diesem Beispiel, hob den Schutzbrief Siegesmunds auf und erklärte
alle Roma für vogelfrei. Jedermann konnte sie jagen,
auspeitschen, einsperren oder töten. Kaiser Ferdinand
(1556-1564) "milderte" die Zigeunergesetze insofern,
als jetzt wenigstens Frauen und Kinder nicht mehr sofort hingerichtet
werden sollten.

Dank der deutschen Kleinstaaterei kam es nicht überall
zu einer konsequenten Anwendung dieser Reichsgesetze. Roma
konnten in Deutschland überleben, indem sie in einen
anderen Teilstaat auswichen. Jedoch organisierten viele der
deutschen Staaten individuell ihren Kampf gegen das so genannte
„Zigeunergesindel". Allein für die Zeit zwischen
1497 und 1774 wurden 146 Zigeuneredikte nachgewiesen. Erst
die Wirren des Dreißigjährigen Krieges lenkten
von der Zigeunerverfolgung ab.

Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Verfolgung wieder unvermindert
fortgesetzt. Roma sollten gebrandmarkt, aus dem Lande verwiesen
oder mit dem Tode bestraft werden. Friedrich Wilhelm I. von
Preußen z. B. ordnete 1725 an, sie ohne Gerichtsverfahren
zu hängen; allein die braune Hautfarbe sollte als Beweis
genügen. Die Kreis Versammlung des oberrheinischen Reichskreises
verfügte 1709 das Deportieren oder Hängen jedes
festgenommenen Roma, und die Stadt Frankfurt/ Main erlaubte
in einem Erlass die Wegnahme von Romakindern.

Seuchen (Pest),
Hungersnöte. Feuersbrünste geheimnisvolle Morde,
unheilbare Krankheiten usw. wurden den Fremden, den als Nichtchristen
verdächtigten Personen zur Last gelegt ... So wurde der
mittelalterliche Roma zum Schuldigen abgestempelt und grausam
verfolgt; die dunkle Hautfarbe und eine unverständliche
Sprache machten Sie zu Fremden und Verfolgten. Die Roma hätten
Pest und Cholera übertragen, wären für die
Rattenplage verantwortlich, wären jüdisch versippt,
raubten Kinder und übten Kannibalismus. Sie besäßen
eine freizügige oder verwahrloste Moral und spionierten
als Landesfeinde für Türken oder Tataren. Dieses
waren die gängigen Vorurteile, die sich erschreckender
Weise bis heute im groben Erhalten haben.

Polizeiliche und
kirchliche Machtträger warfen Juden und Roma seit dem
Mittelalter dieselben Delikte vor: Abkehr vorn Christentum,
Hexerei, Betrug und Diebstahl zählten zu ihren angeblichen
Verbrechen.

Wenigstens im ausgehenden
18. und beginnenden 19. Jahrhundert wurde die physische Existenz
der Sinti als „Parias" geduldet. Während ihres
jeweils kurzfristigen Erscheinens in Dörfern und Städten
verdienten sie sich ihren Lebensunterhalt z. B. als Löffelschnitzer,
Scherenschleifer, Kesselflicker, Pantoffelmacher, Korbflechter
und Musikanten. In verschiedenen deutschen Staaten wurden
Ansiedlungsversuche unternommen, deren Scheitern, aber meist
mit der Inhumanität des jeweiligen Ansatzes bereits vorprogrammiert
war. In Württemberg wurden Großfamilien gewaltsam
aufgelöst und in Einzelfamilien über

das ganze Land verteilt.

Als die voneinander
getrennten Familien zusammenziehen wollten, wurden sie in
der Regel von den Amtspflegern zum Weiterziehen gezwungen.
Die Maßnahmen Maria Theresias und Josephs II. betrafen
in Österreich-Ungarn mit dem deutschsprachigen Westungarn
(seit 1918 Burgenland) nur den Rand des deutschen Sprachgebiets.
Die dort ansässigen Roma •wurden mit drakonischen
Mitteln z.T. „erfolgreich"' zur Sesshaftigkeit
gezwungen, darunter dem Verbot des Romanes, dem Zwang zur
Mischehe mit Nichtroma und der Wegnahme von Kindern.

Erst die Gründung
des deutschen Reiches 1871 erlaubte die langfristige Koordinierung
der antiziganistischen Repressionen, die erstaunlicherweise
noch in der Weimarer Republik perfektioniert wurden und somit
dem NS- Staat eine Plattform für die dem Völkermord
vorangehende Erfassung der deutschen Sinti und Roma schufen.
Bereits im Jahre 1871 wies das großherzogliche Innenministerium
Hessens mit Berufung auf das Berliner Reichskanzleramt die
Kreisämter an, eingewanderten Roma die Ausstellung von
Gewerbescheinen zu versagen und bei Heimatberechtigten Sinti
mit größter Vorsicht vorzugehen. Im benachbarten
Österreich wird 1885 bei der „Verurteilung wegen
Vagabundage" die Anhaltung zur Zwangsarbeit erlaubt.
1896 ordnete das deutsche Reichskanzleramt an, keine Wandergewerbescheine
an Sinti und Roma mehr auszugeben. In der preußischen
"Anweisung zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens"
vom 12. Februar 1902 wird diese Maßnahme wiederum vornehmlich
auf die Roma- Einwanderer beschränkt; 1886 hatte man
bereits den Zwangstransport für „Zigeuner ohne
deutsche Staatsangehörigkeit" zur Staatsgrenze eingeführt.
Das am 1.Januar 1900 angenommene Reichsgesetz zur "Zwangserziehung
Minderjähriger" fand vor allem auch für Kinder
von Sinti- und Romafamilien Anwendung. Als Vorstufe moderner
Datenbanken wurden 1899 in deutschen Ländern Zigeuner-Nachrichtendienste
eingerichtet, deren Perfektester im Königreich Bayern
bereits 1904 schon 3350 Akten über Familien und Einzelpersonen
enthielt. Im Auftrag des bayrischen Innenministeriums gab
der Kriminalrat Alfred Dillmann 1905 Richtlinien zur so genannten.
„Beseitigung der Zigeunerplage" heraus als Zusammenfassung
aller entsprechenden Verordnungen von 1816 bis 1903. Sein
Münchner „Nachrichtendienst im Bezug auf die Zigeuner"
avancierte zum Zentrum der deutschen „Zigeunerbekämpfung',
verschärfte die Kriminalisierung dieser Volksgruppe und
wurde zum Vorläufer der späteren Zigeunerpolizeistelle
München (Weimarer Republik) und der sie ablösenden
„Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens"
in Himmlers Reichssicherheitshauptamt in Berlin (seit 1938).

ln den ersten drei
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ließ sich daher eine
wachsende Anzahl von Sinti- und Romafamilien auf der Flucht
vor Repressionen und wegen der sich verschlechternden Arbeitsbedingungen
in Handel und Kleingewerbe in deutschen Großstädten
nieder.

Im April 1926 kam
die "Ländervereinbarung zur gemeinsamen und gleichzeitigen
Bekämpfung der Zigeuner im deutschen Reich" zustande;
am 16. Juli 1926 wurde in München das Gesetz zur Bekämpfung
von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen" erlassen,
und im November 1927 wurde vom preußischen Innenministerium
die Daktyloskopierung (Entnahme der Fingerabdrücke) aller
Sinti und Roma verordnet. Somit erließ bereits die erste
deutsche Republik Ausnahme Verordnungen gegen eine ethnische
Gruppe, Maßnahmen, die mit der Weimarer Verfassung nicht
zu vereinbaren waren.