4.1. Fortgesetztes Unrecht Teil 1

Als sich die Tore der Konzentrationslager auch für die Roma und Cinti öffneten, waren sie zum ersten Mal in ihrer Geschichte so nachhaltig in der Sozialstruktur getroffen, dass sie sich bis heute noch nicht davon erholen sollten.

Die Familie, die wichtigsten sozialen Orientierungen und die damit verbunden Auffangnetze für den Einzelnen in einer feindseligen Gesellschaft, sie waren für die meisten der Überlebenden zerstört worden. Was Jahrhunderte hindurch trotz massivster Ausrottungsversuche nicht gelang, schafften die Bürokraten und Schreibtischtäter des NS- Regimes: Das Volk der Roma war fast vollständig in seiner Struktur getroffen worden. Die deutschen und polnischen Roma waren, bis auf einen kleinen Rest, fast vollständig ausgerottet. Viele Cinti kehrten nach der so genannten Befreiung in, ihre Heimatstädte zurück. 22. September 1945, rund vier Monate nach Beendigung des Krieges, machte die Hamburger Polizei eine makabere Rechnung auf: "... Gesamtzahl der in Großhamburg vor dem 20. Mai 1940 wohnhaften zigeunerischen Personen 1628, hiervon: Wurden 'am 20.05.40 in das G. G. (Generalgouvernement) umgesiedelt 551 wurden am 11. 03.43 in Auschwitz eingeliefert 328 wurden am 18.04.44 in Auschwitz eingeliefert 26 sind nach auswärts verzogen 30 wegen krimineller Vergehen in ein KL eingewiesen 89 Verstorbene 111 zusammen 1135 es müssten demnach z. Z. im Großhamburg zigeunerische Personen aufhältlich sein, bzw. wohnhaft sein 439...

Kontinuierlich wurde das weitergeführt , was die Nazis perfektioniert hatten,- die systematische Erfassung, Registrierung und Überwachung der Cinti und Roma. Lediglich war zunächst ein praktischer Nutzen dieser Arbeit nicht mehr so ganz ersichtlich.

Doch auch dieses änderte sich bald:
Ausgrenzung aus allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens.

• 1948 gibt das Landeskriminalamt Baden Württemberg einen "Leitfaden zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens" heraus. Der Leitfaden soll den Beamten als vorläufige Hilfe dienen bis zur "...endgültigen Lösung des Zigeunerproblems..."'wie es in einem diesbezüglichen Schreiben heißt.

• Die ehemalige Berliner Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens wird nach München ausgelagert und nimmt ihre alte Tätigkeit wieder auf.

• Im gleichen Jahr erlässt Bayern, basierend auf dem alten „Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern und Arbeitsscheuen“ von 1926, seine „neue“ Zigeunergesetzgebung; die Landfahrerverordnung.

• NS-Täter wie Eichberger, Supp und wie sie alle hießen, die noch vor kurzem die Zigeuner in die Konzentrationslager eingewiesen hatten, waren jetzt für ihre weitere Erfassung und auch als Fachleute nunmehr auch für die Wiedergutmachungsfrage zuständig. So ist es auch nicht verwunderlich, dass die so genannte Wiedergutmachungspraxis von den Roma und Cinti als zweite Verfolgung empfunden wurde. Nicht einer dieser Schreibtischtäter ist für seine Beteiligung am Völkermord an den Roma und Cinti jemals zur Rechenschaft gezogen worden. Auch nach dem Krieg begegnete man den Opfern und Überlebenden mit Misstrauen.

Das Grundsatzurteil des Bundesgerichtshofs bestätigte 1956 „bei ihrer (der Roma und Cinti) Deportation in die Konzentrationslager hätte es sich nicht um eine Verfolgung aus rassischen Gründen gehandelt, sondern um eine kriminal präventive Maßnahme" Eine „Wiedergutmachung" und Unterstützung zur Neueingliederung und wurde ihnen durch die Argumentation des Gerichts verweigert.

Anders als bei den jüdischen Opfern des Nazi Terrors, wurde der Holocaust an den Roma durch dieses Urteil de facto nachträglich legitimiert. Bis heute hat keine deutsche Regierung ernst zu nehmende Reparationen für das an den Roma und Cinti begangene Unrecht geleistet.

Im Rahmen der Zwangsarbeiter „Entschädigung" wurde von der deutschen Regierung, 2001, die „International Organisation for Migration" (IOM) mit der Abwicklung der Anträge beauftragt. Die IOM ist zugleich diejenige Organisation, die seit einigen Jahren, auch die Deportationspolitik gegen Roma-Flüchtlinge abwickelt. An diesem Beispiel zeigt sich deutlich, wie die deutsche Politik Vergangenheitsbewältigung betreibt.

• Das von den Roma und Cinti Geraubte vermögen wurde der Bundesvermögensabteilung und später der Bundesregierung Deutschland einverleibt.

• Dr. Robert Ritter, der Chefideologe der „Endlösung der Zigeunerfrage" wurde nach dem Kriege von der Stadt Frankfurt als Amtsarzt eingestellt und starb 1951 unbehelligt, als Pensionär in Frankfurt.

• Leo Carstens, Leiter der Berliner Zigeunerzentrale, arbeitete unbehelligt bei der Kripo Ludwigshafen. Er war noch nach seiner Pensionierung geschätzt für seine "wertvollen Tipps, wie man mit Zigeunern umzugehen hatte". Selbstverständlich war auch er Sachverständiger für Wiedergutmachungsbehörden. Für die Deportation ungezählter Berliner Zigeuner und deren Schicksal ist er niemals zur Rechenschaft gezogen worden.
Ab 1948 wurde in Deutschland systematisch wieder eine funktionierende "Zigeunerdienststelle" aufgebaut. Um sie „Grundgesetzfest" zu machen, bekam sie die Bezeichnung Landfahrerzentrale.

Zu ihren Aufgaben wird vermerkt.:
1) Durchführung von Personenstandsfeststellungsverfahren
2) Führen folgender Karteien:
a) Personenkartei
b) Lichtbildkartei
c) Zigeunernamenkartei
d) Merkmalskartei
e) Kaftfahrzeugkartei

3) Führen von Personen Familien Akten
4) Zusammenarbeit mit anderen Behörden
5) Fahndung nach gesuchten Landfahrern
6) Kontrolle der Wohnwagenplätze

• Bis zum Jahre 1970 arbeitete die ehemalige Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeunerunwesens, die nach dem Kriege in "Landfahrerzentrale" umgetauft worden war, offiziell als zuständige Behörde und Überwachungsinstitution für Zigeunerfragen.

• Ab 1970 wurde diese Arbeit dezentralisiert. Unter anderen übernahm die Hamburger Landfahrerdienststelle eine Schlüsselrolle in der „bundesdeutschen Bekämpfung des Zigeunerunwesens".

Bezeichnend für diese Intentionen einer Gesamterfassung von Cinti und Roma war die unbeschränkte Pragmatik, die alle möglichen Informationen über Zigeuner zu erfassen bestrebt ist. Neben den Namen und Lichtbildkarteien wurden in so genannten Merkmalskarteien u. a. die KZ- Nummern erfasst die den Cinti und Roma in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern auf die Unterarme, den Kleinkindern auf die Oberschenkel eintätowiert worden waren.

*fusstext
Nach Protokollen der Innenministerkonferenzen, Württemberg, Meldeunterlagen der LKAs Hamburg sowie Merkblättern zur Landfahrerkontrolle der LKAs vom 10.Dezember 1971.

Folgendes war meldepflichtig*:
Jeder Kontakt zu dieser Personengruppe

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