3.4. Die Geschichte der Familie Weiß durch die Arbeits- und Vernichtungslager des NS- Regimes

Herr Gottfried “Friedel” Weiß verstarb im März 2003, nach einer kurzen aber heftigen Krankheit.
Dieses Buch ist ihm gewidmet und seinem Bruder Helmut, der Schwester Waltraut und seinem kleinen Neffen Robert.

„Eure Leiden, Euer Schmerz
sind die Narben im Fleisch der Welt“
(Lani „Goldschabi“ Rosenberg)

Begegnungen mit dem Sinto Gottfried "Friedel" Weiß

Als wir noch Kinder waren, haben wir uns sicherlich manchmal gesehen. Damals war die Großfamilie Weiß in Harburg auf dem Lagerplatz an der Wasmerstraße ansässig, in dessen Nähe wir bis 1937 wohnten. Wir Jungs riefen "Zigi, Zigi, Zigeuner!" über die Umzäunung hinüber, hinter der ihre Wohnwagen standen, und manchmal flogen Steine. Einmal warf einer zurück und traf mich am Bein, da ich lief weinend nach Hause. "Wenn das noch mal passiert", riet meine Mutter mir, "dann rufst du `Das sag ich Vater Weiß!´ - Du sollst mal sehen, wie die Zigeunerkinder davonlaufen!" "Mein Großvater", nickt Gottfried Weiß, der heute, zusammen mit 45 weiteren Sinti-Familien, in Georgswerder lebt, wo er mir in seiner Wohnung gegenübersitzt. Ein freundlicher, aufgeschlossener Mann, Jahrgang 1928, rund drei Jahre älter als ich, aufgewachsen in dem so genannten Zigeunerlager, "Vater Weiß" war das Familienoberhaupt. Hin und wieder spazierte ich dort sonntags mit meinen Eltern vorbei. WELCHE malerische Idylle! Viele, viele Kinder; ältere Frauen, die Pfeife rauchten; Pferde liefen umher und Hunde. Ziegen? "Ja ja" , bestätigt Gottfried Weiß. "Und Schafe," Bei meiner Großmutter, die in der Nähe ihr Häuschen hatte, stand eines Tages eine ältere, rundliche Zigeunerin in der Veranda, zusammen mit einem kleinen Rädchen. "Gute Hand", sagte die fremde Frau, nachdem sie meine Handlinien betrachtet hatte. "Das war Rosa", lächelt Gottfried Weiß. Aha. Und dann erinnere ich mich an einen hoch gewachsenen, auffallend hellhäutigen Mann mit rötlichem Haar. Auch er ein Sinto?

"Ja. Robert Weiß, mein Cousin. Er ist vor anderthalb Jahren gestorben."

Plötzlich, nach mehr als sechs Jahrzehnten, bekommen diese Menschen für mich Namen, werden ihre Schicksale lebendig. Wir blättern in der Dokumentation mit dem Titel: "Als die Musik verstummte", erstellt von der Harburger Schülerin Viviane Wünsche, ausgezeichnet mit dem Bertini-Preis 2000 (Download Möglichkeit unter www.RomNews.com). Robert Weiß, so lese ich, musste von 1942 bis 1944 im Harburger Kohlensäurewerk Dr. Steinike Schwerarbeit leisten, aber ohne Schwerarbeiterkarte, auch ohne Lebensmittel-Sonderzuteilungen, und wesentlich höher besteuert als die übrigen Kollegen. Und: Der Schüler Gottfried Weiß wurde 1939/40 einer anderen Schule zugewiesen und in eine "Zigeunerklasse" überführt.

"Für meinen Vater", ergänzt mein Gesprächspartner, "begannen die Repressalien noch früher. Er wurde bereits 1938 abgeholt und unter Schlägen gezwungen, das spätere KZ Sachsenhausen mit aufzubauen. Bei der Entlassung wurde er bedroht und musste über seine Erlebnisse schweigen. Einmal kam eine Postkarte von ihm, mit einer Randbemerkung: Extragruß an Onkel Baribok. Das bedeutete so viel wie: großer Hunger."

Zweisprachig seien sie aufgewachsen, er und seine Geschwister, berichtet Gottfried Weiß. "Wir sprechen Sinti [ Sintiza ] und deutsch; die Alten haben noch Roman [Romanes] gesprochen." Nein, Zigeuner ist für ihn nicht unbedingt ein Schimpfwort, obgleich ihm die diffamierende Assoziation "ziehende Gauner" bekannt ist. "Dreckige Zigeuner - das ist etwas anderes!", so Gottfried Weiß. "Das lasse ich nicht zu. Die Roma und Sinti, aus Indien stammend leben seit hunderten von Jahren. In Europa, aber man hat sie immer geknechtet und verfolgt."

Ein Bild drängt sich mir auf. Das Zigeunerlager in Harburg - verwaist. Die Zigeuner? Abgeholt? Großmutter, warum? Weiß nicht. Alle fort, über Nacht. Wohin? Achselzucken. Ich, der Neunjährige, bin hin zum Lager. Zwei, drei Wohnwagen standen noch da. Stumme Zeugen, im Bäckerladen nebenan, die Kunden, was sagten sie? "Hoffentlich hat man sich um die Tiere gekümmert. Die können ja nichts dafür." "Es geschah am 16. Mai 1940". Berichtet Gottfried Weiß. "Ich war elf Jahre alt. Morgens um vier wurden wir aus den Betten geholt. Polizei, SA, SS - der ganze Platz war umstellt. Wir würden umgesiedelt, teilte man uns mit, ins damalige Generalgouvernement, wir sollten nur das Notwendigste mitnehmen. Wir bekämen da alles neu, Möbel, Wäsche und so weiter. Man brachte uns auf Lastkraftwagen zum Hamburger Hafen." Dort, an der Baakenbrücke 2, wo sich heute eine Gedenktafel befindet, wurden schließlich 910 Sinti aus dem norddeutschen Raum registriert. "In dem großen Fruchtschuppen mussten wir uns alle nackt ausziehen - Männer, Frauen und Kinder. Wir wurden nach Geld, Wertsachen und Schmuck durchsucht, auch unsere Kleidung. Es war für die Erwachsenen unsagbar erniedrigend und peinlich, sich vor den Kindern entblößen zu müssen. Sie waren es nicht gewohnt, verstehen Sie?" Es war die erste Station auf seinem fünf Jahre währenden, qualvollen Leidensweg, an dessen Beginn das - KZ Belzek in Polen, an dessen Ende das Vernichtungslager Bergen-Belsen stand, für Gottfried Weiß "das schrecklichste KZ von allen." Seine Erlebnisse: entsetzlich; jenseits aller Menschlichkeit. Einmal während dieser Zeit wurden orthodoxen Juden die Vollbärte angezündet, um sich an ihren Qualen zu weiden. In einem anderen Fall musste er mit ansehen, wie ein neunjähriges, sterbendes Mädchen bei vollem Bewusstsein in eine Grube mit Leichen geworfen, mit Chlorkalk bestreut und bei lebendigem Leibe begraben wurde. Einen Tag vor der Bombardierung des Gettos rät ein Posten ihm und anderen Mithäftlingen, zu fliehen. "Das hat uns, obgleich wir am nächsten Tag wieder eingefangen wurden, das Leben gerettet." 1945 endlich, in Bergen-Belsen, nachdem sie dort buchstäblich über Leichen gingen - es gab kein Brennmaterial mehr um sie anzuzünden - wurde das Lager am "57 April durch britische Truppen befreit. Zu den Opfern, den hunderttausenden von Toten jener Zeit, zählte neben anderen Verwandten auch Helmut Weiß, Gottfrieds jüngerer Bruder. Gottfrieds Eltern aber, und drei seiner Geschwister, hatten wie durch ein Wunder gleich ihm überlebt. Doch dort in Harburg, auf dem Platz, wo sie einst gewohnt hatten, waren die Sinti nicht Willkommen. "Es war wie eine zweite Vertreibung." Gab es wenigstens finanzielle Entschädigung? "Für die fünf Jahre habe ich insgesamt 3.050,- D-Mark bekommen. Viele von uns haben gar nichts gekriegt und wissen Sie warum nicht? Weil sie nicht lesen und schreiben konnten und deshalb das Ultimatum nicht erkannten, das ihnen in dem amtlichen Schreiben gesetzt worden war!" Gottfried Weiß, ihm begegnet zu sein, hat mich bewegt. Er hätte verbittert sein können nach allem, was seiner Sippe und erst recht, was ihm persönlich angetan worden ist, doch er sieht, gefestigt im christlichen Glauben, in jedem Menschen zuerst einen Freund und hat selbst den Mördern des NS-Regimes vergeben. Gut aufgehoben im Kreise seiner Familie, erfüllt ihn jeder neue Tag mit Dankbarkeit - ein imponierender Mann, der sich im Vorstand der Rom und Cinti Union engagiert und obendrein als Zeitzeuge überall, wo Jugendliche ihm zuhören wollen, gegen das Vergessen kämpft: in Deutschland, Russland, England, Polen, Litauen, Schweden, Israel.
Claus Günther

Fakt: Gottfried Weiß ertrug während seiner 5 jährigen Inhaftierung in verschiedenen Lagern mehr als 2,5 Millionen Minuten in Angst und Schrecken.
Probiere:Im Warschauer Getto kam ca. 1qm Wohnraum auf eine Person. So lebten in einem 20-qm-Zimmer, 20 Personen. Vermessen Sie doch einmal ein kleines Zimmer und füllen Sie es mit einem Schüler pro qm.
Zitat: Herr Gottfried Weiß erinnert sich: "Für 200 Gramm Brot mehr, erklärte ich mich bereit die Leichen im Warschauer Getto zusammenzusammeln und zu einem Massengrab zu karren. Es war eine schreckliche Arbeit. Aber sonst wäre ich an Unterernährung und Erschöpfung gestorben, wie all die Menschen. Ich erinnere mich, einmal sogar ein Stück Brot aus der Hand eines Toten genommen zu haben." Warschauer Getto

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